Landesjagdverband: Unfallwild sinnvoll verwerten

Landesjagdverband, Unfallwild und Tierheim: Was passiert nach einem Wildunfall?

Was passiert mit einem Reh, das bei einem Verkehrsunfall getötet wird? Im Landkreis Reutlingen gibt es darauf inzwischen eine ungewöhnlich praktische Antwort: Unfallwild kann unter bestimmten Voraussetzungen als Futtermittel für Tiere im Tierheim genutzt werden.

Die Kreisjägervereinigung Reutlingen, die zum Landesjagdverband Baden-Württemberg gehört, arbeitet dafür mit dem Tierheim Reutlingen zusammen. Verunfalltes Rehwild, das sich dafür eignet, wird nicht einfach entsorgt, sondern einer weiteren Nutzung zugeführt.

Die Kreisjägervereinigung Reutlingen beschreibt das Projekt unter dem Titel „Unfallrehwild sinnvoll verwerten“. Auch die SÜDWEST PRESSE berichtete über die Kooperation. Der Landesjagdverband Baden-Württemberg griff die Initiative auf Facebook auf.

Vom Wildunfall zum Futtermittel

Nicht jedes bei einem Verkehrsunfall getötete Tier kann an das Tierheim abgegeben werden.

Nach den Angaben der Kreisjägervereinigung wird ausschließlich Rehwild angenommen. Das Tier soll unaufgebrochen und noch in der Decke sein. Es darf keine erkennbaren Anzeichen einer Erkrankung oder erheblichen Verwesung zeigen. Ob ein Tier tatsächlich angenommen wird, entscheidet letztlich das Tierheim.

Damit entsteht eine einfache Kette:

Wildunfall → Bergung durch Jäger → Prüfung → Tierheim → Futtermittel

Aus einem Verkehrsopfer wird damit eine Ressource, die sinnvoll genutzt werden kann.

Das ist zunächst eine lokale und sehr praktische Lösung. Sie führt aber zu einer größeren Frage des Wildtiermanagements.

Unfallwild verwerten – oder Wildunfälle vermeiden?

Die Reutlinger Kooperation setzt nach einem Wildunfall an. Das Tier ist bereits tot.

Wildtiermanagement kann jedoch auch eine andere Frage stellen:

Warum kommen Rehe überhaupt so häufig in gefährliche Straßenbereiche – und lässt sich ihr Verhalten beeinflussen?

Genau hier wird internationale Forschung interessant.

Untersuchungen aus den USA weisen darauf hin, dass große Beutegreifer nicht nur die Zahl ihrer Beutetiere beeinflussen. Ihre Anwesenheit kann auch verändern, wo und wann sich Huftiere bewegen.

Eine Studie aus Wisconsin untersuchte beispielsweise den Zusammenhang zwischen Wölfen und Kollisionen zwischen Fahrzeugen und Weißwedelhirschen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass der beobachtete Rückgang der Kollisionen nicht allein dadurch erklärt werden konnte, dass Wölfe Hirsche erbeuteten. Ein wesentlicher Teil wurde mit verändertem Verhalten der Hirsche in Verbindung gebracht.

Auch neuere Untersuchungen zu Pumas beschäftigen sich mit einem ähnlichen Zusammenhang zwischen Prädatoren, dem Verhalten von Beutetieren und Straßenverkehr. Eine aktuelle Darstellung der Forschung findet sich beim Cougar–System Project.

Das bedeutet nicht, dass Ergebnisse aus Nordamerika unmittelbar auf Baden-Württemberg übertragen werden können.

Es zeigt aber einen wichtigen Mechanismus:

Prädator → verändertes Verhalten des Wildes → veränderte Raumnutzung → mögliche Veränderung des Kollisionsrisikos

Wildunfälle sind damit auch eine Frage der Raumnutzung

Bei der Diskussion über Wildunfälle stehen häufig Autofahrer, Geschwindigkeit, Wildwarnreflektoren, Wildschutzzäune oder bekannte Wildwechsel im Mittelpunkt.

Der Einfluss anderer Wildtiere auf diese Bewegungsmuster ist weniger offensichtlich.

Dabei ist die Frage grundsätzlich einfach:

Wenn Rehe bestimmte Bereiche wegen eines wahrgenommenen Risikos anders nutzen, können sich auch ihre Wege durch die Landschaft verändern.

Prädatoren wie Wolf, Luchs oder Puma sind deshalb nicht ausschließlich über die Zahl der von ihnen getöteten Beutetiere relevant. Sie können möglicherweise auch das Verhalten ihrer Beutetiere beeinflussen.

Für das Wildtiermanagement entsteht dadurch eine zweite Ebene.

Es geht nicht nur darum, wie viele Tiere vorhanden sind, sondern auch darum, wo sich diese Tiere bewegen und warum.

Welche Rolle spielt die Jagd?

Auch Jagddruck kann die Raumnutzung von Wild verändern. Tiere reagieren auf Störungen, Jagdzeiten und räumlich unterschiedliche Risiken.

Damit entsteht eine interessante Forschungsfrage, die zunächst unabhängig von der politischen Diskussion über Wolf oder Jagd betrachtet werden sollte:

Welche Formen von Prädations- und Jagddruck verändern die Bewegungen von Rehen – und können solche Veränderungen bei der Vermeidung von Wildunfällen eine Rolle spielen?

Für Baden-Württemberg wäre entscheidend, ob sich die Ergebnisse internationaler Untersuchungen unter den hiesigen Bedingungen überhaupt reproduzieren lassen.

Straßennetz, Landschaft, Jagdpraxis, Wilddichten und Prädatorenvorkommen unterscheiden sich erheblich von nordamerikanischen Untersuchungsgebieten.

Eine Übertragung kann deshalb nicht vorausgesetzt werden.

Die Frage selbst bleibt jedoch relevant.

Vom Unfallreh zum Wildtiermanagement

Die Initiative der Kreisjägervereinigung Reutlingen und des Tierheims zeigt eine konkrete Möglichkeit, bereits verunfalltes Wild sinnvoll zu verwerten.

Sie öffnet gleichzeitig einen größeren Betrachtungsraum.

Was passiert nach einem Wildunfall?

Darauf gibt Reutlingen eine praktische Antwort.

Warum entstehen Wildunfälle und welche Faktoren beeinflussen die Bewegungen des Wildes?

Darauf gibt es keine ebenso einfache Antwort.

Genau hier treffen Straßenverkehr, Jagd, Wildtierverhalten, Prädatoren und Naturschutz aufeinander.

Für ein modernes Wildtiermanagement ist deshalb nicht nur entscheidend, was mit einem verunfallten Reh geschieht.

Ebenso wichtig ist die Frage, welche ökologischen Prozesse dazu beitragen können, dass weniger Rehe auf der Straße sterben.

Unfallwild, Tierheim Reutlingen und Wildtiermanagement

Wildunfälle, Wolf und Luchs: Wie Prädatoren Wildbewegungen verändern

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