Marion Gentges im BNN-Interview: Wann ist eine Vergrämung von Grindi gescheitert?
Marion Gentges hat im BNN-Interview eine klare Folge beschrieben: Der Hornisgrinde-Wolf soll erneut vergrämt werden. Gelingt das nicht, kann am Ende der Abschuss stehen. Doch damit wird eine entscheidende Frage wichtig: Wann gilt eine Vergrämung eigentlich als gescheitert?
Schon vor der Entnahme wurde enormer Aufwand betrieben
Der Umgang mit Grindi beginnt nicht erst mit den jetzt angekündigten Vergrämungsversuchen.
Bereits vor der im Winter 2026 genehmigten Entnahme wurde über längere Zeit versucht, den Wolf zu beobachten, seine Bewegungen vorherzusagen und ihn für eine Besenderung zu betäuben.
Diese Versuche scheiterten.
Das Umweltministerium erklärte im März 2026, dass Grindi zuvor regelmäßig aufgesuchte Routen kurzfristig verändert hatte. Dadurch konnten die geplanten Betäubungsversuche nicht erfolgreich durchgeführt werden.
Parallel dazu spricht die Taskforce Artenschutz von rund 2.400 Einsatzstunden während der damaligen Entnahmephase. Dazu gehörten Präsenz im Gebiet, nächtliche Beobachtungen, Dokumentation, Gespräche und organisatorische Arbeit.
Diese 2.400 Stunden waren also nicht 2.400 Stunden Fangversuche. Trotzdem zeigen sie, wie viel menschliche Aktivität damals rund um diesen einen Wolf stattfand.
Und genau das führt zu einer wichtigen Frage.
Was haben die vielen Stunden mit Grindi gemacht?
Ein Wolf lernt aus Erfahrungen.
Das gilt auch für Begegnungen mit Menschen.
Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg stellte im Februar fest, dass Grindi bereits viele Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte, die für ihn keine negativen Folgen hatten. Nach den damals vorliegenden fachlichen Einschätzungen erschwerte genau das eine erfolgreiche Vergrämung.
Damit stellt sich rückblickend eine unangenehme, aber wichtige Frage:
Hat die intensive Suche nach Grindi möglicherweise gleichzeitig dazu geführt, dass menschliche Präsenz für ihn noch normaler wurde?
Das lässt sich nicht einfach behaupten.
Aber es sollte untersucht werden.
Denn wenn aus den Erfahrungen von Anfang 2026 jetzt eine neue Vergrämung entwickelt werden soll, müssen wir wissen, was damals funktioniert hat – und was nicht.
Jetzt beginnt ein neuer Versuch
Nach dem Ende der damaligen Entnahmegenehmigung kündigte das Umweltministerium ausdrücklich an, die gewonnenen Erfahrungen auszuwerten und daraus bessere Möglichkeiten zur Vergrämung zu entwickeln.
Das Ziel wurde ebenfalls klar beschrieben:
Grindi soll dauerhaft wieder ein natürliches, menschenscheues Verhalten zeigen.
Im August 2026 wird dieser Plan nun konkret.
Marion Gentges hat im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten deutlich gemacht, dass erneut versucht werden soll, Grindi zu vergrämen. Sollte dies nicht gelingen, kann am Ende erneut die Entnahme stehen.
Damit bekommt die Frage nach Erfolg und Misserfolg eine ganz neue Bedeutung.
Was wissen wir über die neue Vergrämung?
Bislang sind wichtige praktische Fragen öffentlich nicht eindeutig beantwortet.
Wer wird die Vergrämung durchführen?
Wann beginnt sie?
Wie häufig soll sie stattfinden?
Wie lange soll sie dauern?
Welche Mittel werden eingesetzt?
Wie hoch ist der personelle und finanzielle Aufwand?
Und vor allem:
Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob sie funktioniert hat?
Solange diese Punkte nicht bekannt sind, lässt sich später nur schwer nachvollziehen, warum eine Vergrämung als erfolgreich oder gescheitert bewertet wurde.
Gummigeschosse klingen einfacher, als ihre Anwendung ist
Als eine mögliche Methode werden Gummigeschosse beziehungsweise Vergrämungsmunition diskutiert.
Das Prinzip ist einfach: Der Wolf nähert sich einem Menschen und erlebt dabei einen unangenehmen Reiz. Er soll lernen, seine Annäherung an Menschen mit einer negativen Erfahrung zu verbinden.
In Thüringen wurde Anfang 2026 für dort vorgesehene Gummigeschosse eine realistisch wirksame Entfernung von bis zu 20 Metern angegeben.
Genau hier beginnt das praktische Problem.
Man muss Grindi zunächst in die richtige Situation bekommen.
Der Wolf muss sich ausreichend nähern.
Eine entsprechend ausgerüstete Person muss genau dann vor Ort sein.
Der Wolf muss sichtbar und sicher anzusprechen sein.
Und der negative Reiz muss mit genau dem Verhalten verbunden werden, das verändert werden soll.
Das ist etwas völlig anderes, als irgendwo im Wald auf einen Wolf zu warten.
Kann man Grindi überhaupt zuverlässig auf 20 Meter erreichen?
Die Erfahrungen aus den früheren Betäubungsversuchen sind hier besonders interessant.
Das Umweltministerium berichtete selbst, dass Grindi seine Routen kurzfristig änderte und dadurch geplante Ansitze scheiterten.
Wenn es bereits schwierig war, seinen Aufenthaltsort für einen Fangversuch zuverlässig vorherzusagen, stellt sich für die Vergrämung dieselbe praktische Frage:
Wie häufig wird man tatsächlich in eine Situation kommen, in der Grindi auf wirksame Entfernung vergrämt werden kann?
Das ist keine Kritik an der Methode.
Es ist eine Voraussetzung dafür, dass die Methode überhaupt funktionieren kann.
Was bedeutet „erfolgreich“?
Noch wichtiger ist die andere Seite.
Angenommen, Grindi wird einmal erfolgreich mit einem Gummigeschoss vergrämt.
Was dann?
Ist die Maßnahme erfolgreich, wenn er sofort wegläuft?
Wenn er Menschen eine Woche lang meidet?
Einen Monat?
Wenn er Menschen weiterhin sieht, aber mehr als 30 Meter Abstand hält?
Was passiert während der nächsten Ranzzeit, wenn Hunde für ihn wieder besonders interessant werden?
Eine kurzfristige Reaktion ist nicht automatisch eine dauerhafte Verhaltensänderung.
Deshalb müsste bereits vor Beginn der Maßnahme feststehen, woran Erfolg gemessen wird.
Und was bedeutet „gescheitert“?
Das ist besonders wichtig, weil Marion Gentges die erfolglose Vergrämung mit einer möglichen späteren Entnahme verbindet.
Wenn das Scheitern einer Maßnahme eine so weitreichende Konsequenz haben kann, sollte vorher nachvollziehbar sein, was „gescheitert“ bedeutet.
Zum Beispiel:
Wie viele tatsächliche Vergrämungsversuche müssen stattgefunden haben?
Über welchen Zeitraum?
Wie viele weitere Annäherungen wurden danach dokumentiert?
Welche Abstände spielen eine Rolle?
Werden Begegnungen mit Hunden anders bewertet als Begegnungen ohne Hund?
Muss sich das Verhalten dauerhaft verändern?
Und wer trifft schließlich die Entscheidung, dass genügend versucht wurde?
Die Erfahrungen von Anfang 2026 sind deshalb wertvoll
Die damaligen Bemühungen sollten nicht nur als gescheitertes Kapitel betrachtet werden.
Sie liefern Daten.
Wo hielt sich Grindi auf?
Wann änderte er seine Routen?
Wie reagierte er auf verstärkte menschliche Präsenz?
Welche Versuche funktionierten nicht?
Warum funktionierten sie nicht?
Welche Kosten und welcher personelle Aufwand entstanden?
Und hat sich sein Verhalten während dieser Zeit verändert?
Das Umweltministerium wollte genau diese Erfahrungen nach dem Ende der Entnahmephase auswerten.
Bevor jetzt eine neue Phase beginnt, wäre deshalb interessant zu wissen, was aus dieser Auswertung geworden ist.
Gentges' Aussage braucht messbare Kriterien
Marion Gentges hat im BNN-Interview eine politisch verständliche Linie formuliert:
Vergrämung versuchen. Wenn sie scheitert, kann am Ende die Entnahme stehen.
Damit diese Linie auch praktisch nachvollziehbar ist, braucht es jedoch etwas dazwischen:
klare Kriterien.
Was wird versucht?
Wie oft wird es versucht?
Was soll sich verändern?
Wie lange muss diese Veränderung anhalten?
Und wann darf man sagen: Es hat nicht funktioniert?
Das sind keine Fragen gegen die Vergrämung.
Im Gegenteil.
Wenn die Vergrämung Grindi eine echte Chance geben soll, muss vorher feststehen, woran ihr Erfolg gemessen wird – nicht erst hinterher.
Wann gilt die Vergrämung des Hornisgrinde-Wolfs als gescheitert?
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