Marion Gentges, ZUKUNFTSGERICHTET und Grindi: Wie breit ist die Entscheidung wirklich?
Marion Gentges formulierte im BNN-Interview einen klaren Weg für den Hornisgrinde-Wolf Grindi: erneute Vergrämung und bei deren Scheitern Abschuss. Als Justizministerin setzte sie mit ZUKUNFTSGERICHTET dagegen auf einen breit angelegten Beteiligungsprozess vor der politischen Handlung. Beim Wolf entsteht deshalb eine überprüfbare Frage: Welche Stimmen, Experten und gesellschaftlichen Perspektiven bilden heute das Problembild, auf dem diese Entscheidung beruht?
ZUKUNFTSGERICHTET war breit – wie breit ist das Problembild bei Grindi?
Das Interview von Marion Gentges mit den Badischen Neuesten Nachrichten hat die Diskussion um Grindi neu zugespitzt. Gentges formulierte darin einen klaren Handlungspfad: Der Hornisgrinde-Wolf soll erneut vergrämt werden. Misslingt die Vergrämung, soll er abgeschossen werden. Frühere Versuche, den Wolf zu besendern oder zu vertreiben, waren erfolglos.
Unsere Einordnung der Aussagen und ihres Kontextes findet sich hier: Marion Gentges im BNN-Interview: Was ihre Aussagen zum Hornisgrinde-Wolf bedeuten.
Interessant wird dieser politische Stil im Vergleich mit ZUKUNFTSGERICHTET.
Als Justizministerin ließ Gentges bewusst ein breites Spektrum von Perspektiven erfassen. Aufgerufen waren nicht nur rund 20.000 Beschäftigte der Justiz, sondern auch Bürgerinnen und Bürger, Rechtsanwälte, Polizei, öffentlicher Sektor, Wirtschaft, Industrie und weitere Interessengruppen. Zusätzlich wurden unterschiedliche Experten einbezogen. Die Landesregierung bezeichnete diesen breit angelegten Beteiligungsprozess ausdrücklich als das „Herzstück“ des Projekts.
Die Methode lässt sich auf drei Schritte reduzieren:
Beteiligung → mehrdimensionales Problembild → Handlung
Beim Hornisgrinde-Wolf ist öffentlich bislang eine andere Struktur stärker sichtbar:
Bewertung des Wolfs → Vergrämung → mögliche Entnahme
Das bedeutet nicht, dass keine weiteren Gespräche oder Beratungen stattfinden. Es bedeutet lediglich, dass deren Breite aus den bisher öffentlich auffindbaren Informationen nicht vergleichbar sichtbar wird.
Eine Perspektive ist dagegen sehr gut dokumentiert: die Jägerschaft.
Nur wenige Wochen vor dem BNN-Interview trat Gentges beim Landesjägertag 2026 des Landesjagdverbands Baden-Württemberg auf. Dort sprach sie über aktuelle Jagdpolitik und ausdrücklich über Wolf, Biber und Saatkrähe, würdigte das Engagement der Jägerschaft und lobte das LJV-Projekt „Wild-Wald-Bewusstsein“.
Landesjagdverband Baden-Württemberg: Landesjägertag 2026
Dieser dokumentierte Austausch ist zunächst kein Beleg für unzulässigen Einfluss oder eine Bevorzugung des Landesjagdverbandes. Der Verband ist ein legitimer Akteur im Wildtiermanagement.
Er macht aber eine andere Frage relevant:
Welche anderen Perspektiven verfügen über einen vergleichbar sichtbaren Zugang?
Wo findet sich beispielsweise ein entsprechender Austausch von Gentges mit Naturschutzverbänden wie NABU oder BUND zum Hornisgrinde-Wolf? Welche unabhängigen Wolfsexpertinnen und Wolfsexperten beraten die Ministerin? Wie werden Menschen aus der Region einbezogen? Und welchen institutionellen Zugang haben diejenigen, die Grindi erhalten wollen?
Unsere aktuelle Recherche liefert hierfür keinen ausreichenden Nachweis. Das ist etwas anderes als die Behauptung, solche Gespräche hätten nicht stattgefunden.
Gerade deshalb ist Transparenz wichtig.
Bei ZUKUNFTSGERICHTET waren die beteiligten Gruppen, Beteiligungsformate und die Funktion ihrer Beiträge öffentlich nachvollziehbar. In einer zehnwöchigen Online-Konsultation beteiligten sich beispielsweise 16.716 Menschen mit 1.145 Vorschlägen; ausdrücklich angestrebt wurde ein „mehrdimensionales Bild“, auf dessen Grundlage spätere Projekte entwickelt werden konnten.
Beim Hornisgrinde-Wolf sollte deshalb nicht nur gefragt werden:
Was will Marion Gentges mit Grindi tun?
Die vorgelagerte Frage lautet:
Wer hat das Problembild mitentwickelt, auf dessen Grundlage Marion Gentges über Grindi entscheidet?
Experten → Perspektiven → Entscheidung.
Wenn diese drei Ebenen transparent werden, lässt sich sachlich beurteilen, ob beim Hornisgrinde-Wolf ein ähnlich mehrdimensionaler Prozess wie bei ZUKUNFTSGERICHTET stattfindet – oder ob sich der Kreis der sichtbar beteiligten Perspektiven deutlich verengt hat.