Marie Hoffmann, Wolf und Wilddichte: Warum Niedersachsen Europas Wolfs-Hotspot ist

Marie Hoffmann und der Wolf: Warum die Wilddichte wichtiger sein könnte als die Wolfszahl

Marie Hoffmann stellt die Frage nach der hohen Wolfsdichte in Niedersachsen. Dieser Beitrag geht einen Schritt weiter und untersucht, warum Niedersachsen so viele Wölfe tragen kann. Wilddichte, Jagd, FFH-Gebiete, Schafhaltung und Landwirtschaft bilden gemeinsam ein vom Menschen gestaltetes System, an das sich der Wolf anpasst.

Marie Hoffmann, Niedersachsen und der Wolf: Warum der Vergleich mit Skandinavien eine entscheidende Frage offenlässt

Marie Hoffmann gehört zu den bekanntesten Agrar-Influencerinnen Deutschlands. In ihren Beiträgen zur Wolfsdebatte verweist sie regelmäßig auf Niedersachsen – das Bundesland mit der höchsten Wolfsdichte Deutschlands – und zieht dabei häufig Vergleiche mit Skandinavien. Die Botschaft ist nachvollziehbar: Wenn Niedersachsen heute deutlich mehr Wölfe pro Fläche beherbergt als weite Teile Skandinaviens, muss die Frage erlaubt sein, ob das heutige Management noch funktioniert.

Diese Frage ist berechtigt.

Doch sie führt unmittelbar zu einer zweiten, deutlich seltener gestellten Frage:

Warum kann Niedersachsen überhaupt so viele Wölfe tragen?

Genau an dieser Stelle beginnt eine systemische Betrachtung der Wolfsdebatte.

Nicht die Wolfszahl ist der Ausgangspunkt

Wölfe folgen keinem politischen Programm. Sie folgen Nahrung.

Ob ein Wolfsrudel ein großes oder kleines Territorium benötigt, hängt in erster Linie von der verfügbaren Beute ab. Ist die Dichte an Rehen, Wildschweinen oder Rotwild hoch, reichen kleinere Reviere aus. Dadurch können mehr Rudel auf derselben Fläche leben.

Der Vergleich zwischen Niedersachsen und Skandinavien beginnt deshalb nicht beim Wolf selbst.

Er beginnt bei der Tragfähigkeit der jeweiligen Landschaft.

Warum der Vergleich mit Skandinavien zu kurz greift

Oft werden lediglich Fläche und Wolfszahlen miteinander verglichen.

Ökologisch entscheidender sind jedoch andere Faktoren:

  • Wie hoch ist die Wilddichte?
  • Wie groß sind durchschnittliche Wolfsreviere?
  • Wie intensiv wird die Landschaft landwirtschaftlich genutzt?
  • Wie wird Wildtiermanagement betrieben?
  • Welche Lebensräume stehen dauerhaft zur Verfügung?

Skandinavien besteht aus riesigen, dünn besiedelten Waldlandschaften mit vergleichsweise geringer Beutedichte. Wolfsrudel benötigen dort häufig deutlich größere Territorien.

Niedersachsen dagegen ist eine intensiv genutzte Kulturlandschaft mit hoher Biomasse, großer Wilddichte und einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume. Der Wolf reagiert auf diese Bedingungen. Er schafft sie nicht.

Niedersachsen ist ein vom Menschen gestaltetes Ökosystem

Die hohe Wolfsdichte lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor erklären.

Vielmehr greifen mehrere Systeme ineinander:

  • intensive Landwirtschaft
  • große Schalenwildbestände
  • FFH- und Natura-2000-Gebiete
  • Forstwirtschaft
  • Weidetierhaltung
  • Jagdmanagement
  • europäischer Artenschutz

Jeder dieser Bereiche verfolgt eigene Ziele.

Zusammen bestimmen sie jedoch, wie viele Wölfe eine Landschaft langfristig ernähren kann.

Die unterschätzte Rolle der Schafhaltung

In der öffentlichen Debatte erscheint die Schafhaltung häufig als landwirtschaftlicher Produktionszweig.

Tatsächlich hat sich ihre wirtschaftliche Funktion in vielen Regionen Niedersachsens verändert.

Wolle erzielt seit Jahren nur geringe Erlöse. Auch die Fleischproduktion allein trägt viele Betriebe wirtschaftlich nicht mehr.

Heute erfüllen zahlreiche Schäfereien vor allem gesellschaftliche Aufgaben.

Sie pflegen Heideflächen.

Sie beweiden Deiche.

Sie erhalten FFH-Lebensräume.

Sie sichern offene Kulturlandschaften und damit Lebensräume zahlreicher Tier- und Pflanzenarten.

Gerade hier entsteht ein bemerkenswertes Spannungsfeld.

Denn dieselben Schafe, die für Naturschutz und Landschaftspflege unverzichtbar sind, geraten gleichzeitig in Konflikt mit einem erfolgreichen Wolfsbestand.

Die Rolle der Jagd wird selten vollständig betrachtet

Auch die Jagd wird häufig auf den Abschuss von Wild reduziert.

Tatsächlich umfasst modernes Wildtiermanagement weit mehr.

Zur Hege gehören unter anderem Lebensraumverbesserungen, die nachhaltige Entwicklung von Wildbeständen sowie – regional unterschiedlich und innerhalb gesetzlicher Vorgaben – Maßnahmen wie Kirrung oder andere Formen der Wildlenkung.

Das Ziel besteht darin, gesunde Wildbestände dauerhaft zu erhalten.

Aus Sicht des Wolfs spielt die Motivation jedoch keine Rolle.

Für ihn zählt ausschließlich das vorhandene Nahrungsangebot.

Je größer die dauerhaft verfügbare Beute, desto höher kann die ökologische Tragfähigkeit einer Landschaft für einen Spitzenprädator ausfallen.

Damit entsteht ein interessantes Paradox.

Jagdmanagement verfolgt verständliche Ziele im Wildtiermanagement.

Gleichzeitig können hohe und stabile Wildbestände genau jene Voraussetzungen schaffen, unter denen sich auch Wolfsrudel erfolgreich etablieren.

Diese Wechselwirkung wird in der öffentlichen Diskussion bislang nur selten thematisiert.

Der Wolf passt sich dem Menschen an

Niedersachsen zeigt eindrucksvoll, wie flexibel sich Wölfe an menschlich gestaltete Landschaften anpassen.

Geschützte Lebensräume, hohe Wilddichten, intensive Landwirtschaft, Landschaftspflege durch Schafhaltung und rechtlicher Schutz bilden gemeinsam ein System, auf das der Wolf reagiert.

Der Wolf entscheidet nicht über die Tragfähigkeit der Landschaft.

Er nutzt sie.

In diesem Sinne erzählt Niedersachsen weniger die Geschichte eines Wolfsproblems als die Geschichte einer Kulturlandschaft, deren unterschiedliche Ziele gleichzeitig verwirklicht werden sollen.

Marie Hoffmann stellt die richtige Frage – aber vielleicht noch nicht die erste

Marie Hoffmann weist zu Recht darauf hin, dass Niedersachsen heute eine außergewöhnlich hohe Wolfsdichte besitzt und dass die Herausforderungen für Weidetierhalter real sind.

Doch die eigentliche Analyse beginnt einen Schritt früher.

Nicht die Frage:

Wie regulieren wir den Wolf?

Sondern:

Welche menschlichen Entscheidungen haben über Jahrzehnte dazu geführt, dass Niedersachsen heute zu den tragfähigsten Wolfslandschaften Europas gehört?

Diese Frage verbindet Landwirtschaft, Jagd, Naturschutz, Raumplanung und Politik zu einer gemeinsamen Governance-Frage.

Vielleicht liegt genau darin der nächste Schritt der Wolfsdebatte.

Nicht der Wolf allein bestimmt die Entwicklung.

Die Art und Weise, wie Menschen Landschaften gestalten, Wildbestände bewirtschaften und Naturschutz organisieren, entscheidet letztlich darüber, wie viele Wölfe dauerhaft Platz finden.

Schafhaltung, FFH und der Wolf: Das unterschätzte Spannungsfeld

Wilddichte statt Wolfsdichte: Wie Jagd und Landschaft den Wolf beeinflussen

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