Naturschutz als Governance-Objekt: Eine kategorientheoretische Analyse von RSPB, NABU und Deutschem Jagdverband
Einleitung
Der Begriff Naturschutz gehört zu den zentralen Begriffen der Umweltpolitik. Gleichzeitig wird er von sehr unterschiedlichen Institutionen verwendet – von Naturschutzorganisationen wie der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) und dem NABU ebenso wie vom Deutschen Jagdverband (DJV), der Jäger als „anerkannte Naturschützer“ beschreibt.
Aus Sicht der Governance stellt sich jedoch nicht die Frage, wer Recht hat, sondern ob alle Akteure unter Naturschutz tatsächlich dasselbe verstehen.
Die Kategorientheorie bietet hierfür einen neutralen Analyseansatz. Sie betrachtet Begriffe nicht isoliert, sondern über ihre Beziehungen. Ein Objekt erhält seine Bedeutung durch die Morphismen, die auf dieses Objekt verweisen. Wenn verschiedene Institutionen den Begriff Naturschutz über unterschiedliche Relationen definieren, handelt es sich möglicherweise nicht um dasselbe Governance-Objekt, obwohl derselbe Begriff verwendet wird.
Die folgende Analyse trennt daher zwischen Bestätigungswissen (Wie wird Naturschutz strukturell definiert?) und Entscheidungswissen (Welche Governance-Maßnahmen folgen daraus?).
Bestätigungswissen
Governance-Objekt
Naturschutz
RSPB
Graphstruktur
Ökosystem
↓
Lebensräume
↓
Artenvielfalt
↓
Wissenschaftliches Monitoring
↓
Renaturierung
↓
Naturschutz
Zentrale Entitäten
- Ökosystem
- Biodiversität
- Lebensräume
- Arten
- Wissenschaft
- Citizen Science
- Umweltpolitik
Zentrale Morphismen
- Lebensräume schützen
- Lebensräume wiederherstellen
- Arten überwachen
- Biodiversität erhöhen
- Politik beeinflussen
- Bevölkerung beteiligen
Primäres Governance-Objekt
Das funktionierende Ökosystem
Der Naturschutz wird über ökologische Prozesse definiert.
NABU
Graphstruktur
Biodiversität
↓
Lebensraumschutz
↓
Monitoring
↓
Politische Steuerung
↓
Öffentlichkeitsarbeit
↓
Naturschutz
Zentrale Entitäten
- Biodiversität
- Lebensräume
- Arten
- Wissenschaft
- Ehrenamt
- Politik
Zentrale Morphismen
- schützen
- renaturieren
- erfassen
- beraten
- informieren
- gesetzlich absichern
Primäres Governance-Objekt
Die biologische Vielfalt
Auch hier wird Naturschutz primär über ökologische Systeme beschrieben.
Deutscher Jagdverband
Graphstruktur
Wildtiermonitoring
↓
Bestandsbewertung
↓
Bestandsregulierung
↓
Gesunder Wildbestand
↓
Naturschutz
Zentrale Entitäten
- Wildbestand
- Jagd
- Hege
- Prädatoren
- Abschussplanung
- Lebensraumgestaltung
Zentrale Morphismen
- jagen
- regulieren
- hegen
- Prädatoren entnehmen
- Wildbestand überwachen
Primäres Governance-Objekt
Der gesunde Wildbestand
Naturschutz wird über die Regulierung jagdbarer Populationen definiert.
Kategorientheoretische Beobachtung
Alle drei Institutionen verwenden den Begriff
Naturschutz
Die zugrunde liegenden Graphen unterscheiden sich jedoch deutlich.
RSPB
Ökosystem
→ Biodiversität
→ Naturschutz
NABU
Lebensraum
→ Biodiversität
→ Naturschutz
DJV
Wildbestand
→ Bestandsregulierung
→ Naturschutz
Die sprachliche Bezeichnung bleibt identisch.
Die semantische Struktur ist unterschiedlich.
Aus Sicht der Kategorientheorie sind dies zunächst drei verschiedene Governance-Objekte.
Entscheidungswissen
Governance übersetzt Bestätigungswissen in konkrete Entscheidungen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Welche Morphismen legitimieren staatliches oder institutionelles Handeln?
Governance-Modell RSPB
Wissenschaft
↓
Nachweis einer Gefährdung
↓
Schutzmaßnahmen
↓
Renaturierung
↓
Verbesserung des Ökosystems
↓
Naturschutz
Typische Governance-Maßnahmen
- Schutzgebiete
- Renaturierung
- Artenschutzprogramme
- Gesetzgebung
- Umweltbildung
Governance-Modell NABU
Monitoring
↓
Umweltbewertung
↓
Politische Empfehlungen
↓
Lebensraumschutz
↓
Naturschutz
Typische Governance-Maßnahmen
- Flächenschutz
- Wiedervernässung
- Artenhilfsprogramme
- Bürgerwissenschaft
- politische Interessenvertretung
Governance-Modell DJV
Wildtiermonitoring
↓
Bestandsanalyse
↓
Abschussplanung
↓
Bestandsregulierung
↓
Naturschutz
Typische Governance-Maßnahmen
- Jagd
- Abschusspläne
- Hege
- Prädatorenmanagement
- Biotoppflege
Governance-Vergleich
Die drei Systeme verfolgen formal dasselbe Ziel.
Naturschutz
Sie unterscheiden sich jedoch in den Relationen, die zu diesem Ziel führen.
RSPB
Lebensräume
→ Biodiversität
→ Naturschutz
NABU
Ökologische Prozesse
→ Biodiversität
→ Naturschutz
DJV
Bestandsregulierung
→ Gesunder Wildbestand
→ Naturschutz
Governance-Schlussfolgerung
Aus governance-theoretischer Sicht lautet die zentrale Fragestellung daher nicht:
„Sind Jäger Naturschützer?"
Sondern:
„Welche Definition des Governance-Objekts Naturschutz liegt der jeweiligen Institution zugrunde?"
Die Analyse zeigt, dass RSPB, NABU und Deutscher Jagdverband zwar denselben Begriff verwenden, ihn jedoch über unterschiedliche semantische Graphen konstruieren. RSPB und NABU definieren Naturschutz primär über die Integrität von Ökosystemen, Biodiversität und Lebensräumen. Der Deutsche Jagdverband definiert Naturschutz hingegen über die Hege und Regulierung von Wildbeständen.
Ob diese unterschiedlichen Graphen kategorientheoretisch äquivalent sind, kann nicht aus dem gemeinsamen Begriff „Naturschutz" abgeleitet werden. Eine Äquivalenz würde voraussetzen, dass die zugrunde liegenden Objekte, Morphismen und Governance-Beziehungen strukturerhaltend ineinander überführt werden können. Genau diese strukturelle Prüfung bildet den eigentlichen Gegenstand einer neutralen Governance-Analyse.
Naturschutz als Governance-System verstehen