1. Juli 2026
Marie Hoffmann und selektives Framing – Wie Kommunikationsrahmen unsere Sicht auf Landwirtschaft und Natur prägen
Einleitung
Marie Hoffmann gehört zu den bekanntesten Agrarkommunikatorinnen Deutschlands. Mit Hunderttausenden Followern auf sozialen Medien erreicht sie ein Publikum weit über die Landwirtschaft hinaus. Ihre Videos wirken sachlich, verständlich und wissenschaftlich fundiert. Gerade deshalb lohnt sich eine genauere Analyse ihrer Kommunikationsstruktur.
Dieser Beitrag bewertet nicht, ob Marie Hoffmann recht oder unrecht hat. Stattdessen untersucht er ein Konzept aus der Kommunikationswissenschaft: selektives Framing.
Die zentrale Frage lautet:
Wie beeinflusst die Art, wie ein Thema eingerahmt wird, welche Lösungen überhaupt denkbar erscheinen?
Was bedeutet selektives Framing?
In der Kommunikationswissenschaft bezeichnet Framing die Art und Weise, wie ein Thema dargestellt wird.
Dabei geht es nicht nur darum, welche Fakten genannt werden, sondern auch darum,
- welche Fragen gestellt werden,
- welche Perspektiven im Mittelpunkt stehen,
- welche Experten zu Wort kommen,
- welche Zusammenhänge hervorgehoben werden,
- welche Aspekte kaum oder gar nicht erscheinen.
Ein Frame entscheidet also nicht darüber, ob Informationen richtig oder falsch sind.
Er entscheidet darüber,
welche Informationen sichtbar werden.
Vier Ebenen der öffentlichen Kommunikation
Zur Einordnung hilft die Unterscheidung von vier Ebenen.
1. Faktenauswahl
Welche Daten werden verwendet?
Beispielsweise:
- Wolfsrisse
- Bodenerosion
- Artenvielfalt
- Ernteausfälle
Diese Fakten können vollständig korrekt sein.
2. Framing
Wie werden diese Fakten interpretiert?
Beispielsweise:
Ist Glyphosat
- ein Pflanzenschutzmittel,
oder
- ein Instrument zur bodenschonenden Direktsaat?
Beide Aussagen können gleichzeitig zutreffen.
Der Frame entscheidet, welche Bedeutung im Vordergrund steht.
3. Agenda Setting
Welche Themen werden überhaupt diskutiert?
Beispielsweise:
- Wolf
- Bürokratie
- Landwirtschaft
- Jagd
Andere Themen erhalten möglicherweise deutlich weniger Aufmerksamkeit.
4. Problemdefinition
Dies ist die tiefste Ebene.
Nicht mehr die Frage lautet:
Welche Lösung gibt es?
Sondern:
Was ist eigentlich das Problem?
Genau hier wird Kommunikation besonders wirksam.
Beispiel 1: Der Wald
In einer längeren Dokumentation besucht Marie Hoffmann Förster, Waldbesitzer, Jagdexperten und Vertreter von Forstverbänden. Gemeinsam diskutieren sie Waldumbau, Klimawandel und Wildmanagement.
Die Gespräche verlaufen überwiegend innerhalb eines gemeinsamen Grundverständnisses:
- Wälder müssen aktiv bewirtschaftet werden.
- Der Waldumbau ist notwendig.
- Jagd gehört zum Waldmanagement.
- Menschliche Eingriffe bleiben dauerhaft erforderlich.
Innerhalb dieses Rahmens entstehen unterschiedliche Meinungen über den besten Weg.
Die Grundannahme selbst wird jedoch kaum hinterfragt.
Andere Ansätze – etwa Prozessschutz oder langfristige Nichtbewirtschaftung bestimmter Waldflächen – spielen in dieser Dokumentation praktisch keine Rolle.
Das bedeutet nicht, dass diese Ansätze falsch wären.
Sie liegen lediglich außerhalb des gewählten Kommunikationsrahmens.
Beispiel 2: Der Wolf
Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Wolf.
Die Diskussion beginnt häufig mit Fragen wie:
- Wie schützt man Weidetiere?
- Welche Schäden entstehen?
- Welche Möglichkeiten gibt es zur Regulierung?
Innerhalb dieses Rahmens erscheint Wolfsmanagement als zentrale Aufgabe.
Weniger Raum erhalten dagegen Fragen wie:
- Welche ökologische Funktion erfüllt der Wolf?
- Welche langfristigen Veränderungen entstehen in Ökosystemen?
- Welche Erfahrungen gibt es mit unterschiedlichen Managementmodellen weltweit?
Auch diese Perspektiven gehören zur wissenschaftlichen Diskussion.
Sie stehen jedoch nicht im Mittelpunkt des gewählten Frames.
Beispiel 3: Glyphosat
Marie Hoffmann beschreibt Glyphosat häufig im Zusammenhang mit Direktsaat.
Dabei stehen Vorteile im Vordergrund:
- weniger Pflügen,
- geringere Bodenerosion,
- Schutz der Bodenstruktur,
- geringerer Dieselverbrauch.
Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich gut dokumentiert.
Gleichzeitig existieren weitere Forschungsfelder:
- Auswirkungen auf Ackerwildkräuter,
- Veränderungen von Nahrungsketten,
- Rückgang von Insekten,
- Biodiversität in Agrarlandschaften.
Auch diese Aspekte sind wissenschaftlich relevant.
Im Kommunikationsrahmen erscheinen sie jedoch deutlich seltener.
Das Ergebnis ist kein falsches Bild.
Es ist ein unvollständiges Bild, das einen Teil des wissenschaftlichen Spektrums stärker gewichtet als andere.
Beispiel 4: Moderne Landtechnik
Ein weiteres Beispiel betrifft große Landmaschinen.
Marie Hoffmann erklärt regelmäßig moderne Reifentechnik.
Breite Niederdruckreifen verteilen den Druck besser und reduzieren Verdichtungen im Oberboden.
Auch das ist fachlich korrekt.
Bodenkundler unterscheiden jedoch zwischen zwei unterschiedlichen Mechanismen.
Oberboden
Hier spielt der Reifendruck eine große Rolle.
Breitere Reifen können Belastungen deutlich reduzieren.
Unterboden
Hier dominiert dagegen die Achslast.
Sehr schwere Maschinen erzeugen sogenannte Druckzwiebeln (Pressure Bulbs).
Diese Druckzonen reichen weit in den Unterboden hinein und können dort Bodenporen dauerhaft zusammendrücken.
Dieser Effekt hängt wesentlich stärker vom Gesamtgewicht der Maschine als vom Reifen selbst ab.
Beide Aussagen sind wissenschaftlich richtig.
Je nachdem, welche erklärt wird, entsteht jedoch ein unterschiedliches Bild moderner Landtechnik.
Auswahl der Gesprächspartner
Selektives Framing entsteht nicht nur durch Inhalte.
Auch die Auswahl der Gesprächspartner beeinflusst die Wahrnehmung.
In vielen Formaten von Marie Hoffmann sprechen:
- Landwirte,
- Förster,
- Jäger,
- Waldbesitzer,
- Agrarwissenschaftler,
- Praktiker.
Diese Perspektiven liefern wichtige Erfahrungen aus der Praxis.
Weniger vertreten sind dagegen häufig:
- Landschaftsökologen,
- Rewilding-Forscher,
- Naturschutzorganisationen,
- Umweltethiker,
- Sozialwissenschaftler.
Dadurch entsteht ein Diskussionsraum, in dem viele Beteiligte ähnliche Grundannahmen teilen.
Die Debatte bewegt sich innerhalb eines gemeinsamen Paradigmas.
Warum selektives Framing funktioniert
Selektives Framing ist keine Manipulation im klassischen Sinn.
Es handelt sich um eine notwendige Eigenschaft jeder Kommunikation.
Kein Video,
kein Zeitungsartikel,
kein Interview
kann sämtliche wissenschaftlichen Perspektiven gleichzeitig darstellen.
Jede Kommunikation muss auswählen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht,
ob selektiv ausgewählt wird,
sondern
welche Auswahl getroffen wird.
Das Management-Paradigma
Über viele Beiträge hinweg zeigt sich ein wiederkehrendes Muster.
Landwirtschaft,
Forstwirtschaft,
Jagd,
Biodiversität,
Wolf,
Pflanzenschutz
werden überwiegend als Managementaufgaben beschrieben.
Die zugrunde liegende Annahme lautet:
Kulturlandschaften benötigen dauerhaft menschliche Steuerung.
Innerhalb dieses Paradigmas erscheinen Lösungen wie
- Präzisionslandwirtschaft,
- Jagd,
- Wolfsmanagement,
- Waldumbau,
- Digitalisierung,
- technische Innovation
als logische Konsequenzen.
Andere Leitbilder – etwa Rewilding, Prozessschutz oder stärker selbstregulierende Ökosysteme – treten demgegenüber in den Hintergrund.
Fazit
Die Kommunikation von Marie Hoffmann zeichnet sich weniger durch einzelne kontroverse Aussagen aus als durch eine konsequente Auswahl von Perspektiven.
Ihre Beiträge arbeiten mit einem klaren Management-Frame, der Landwirtschaft, Naturschutz und Wildtiermanagement als dauerhaft steuerbare Systeme versteht.
Diese Sichtweise ist in sich konsistent und wird von vielen Praktikern geteilt.
Gleichzeitig existieren innerhalb der Wissenschaft weitere Perspektiven, die andere Fragen stellen und teilweise zu anderen Schlussfolgerungen gelangen.
Die eigentliche Erkenntnis liegt daher nicht in der Bewertung einzelner Aussagen, sondern im Verständnis dafür, wie Kommunikationsrahmen öffentliche Debatten strukturieren. Wer den gewählten Frame erkennt, versteht besser, warum unterschiedliche Akteure auf dieselben wissenschaftlichen Daten zu sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schlussfolgerungen gelangen.
Marie Hoffmann und selektives Framing in der Agrarkommunikation
Wie Kommunikationsrahmen die Debatte über Landwirtschaft und Wolf prägen
Selektives Framing: Eine Analyse der Kommunikationsstrategie von Marie Hoffmann
Marie Hoffmann, selektives Framing und Governance – Wie Kommunikationsrahmen landwirtschaftliche Wirklichkeit erzeugen
Semantic Layer 1 — Entity Definition
Entity: Marie Hoffmann
Primary Roles
- Agrarwissenschaftlerin
- Landwirtin
- Jägerin
- Wissenschaftskommunikatorin
- Social-Media-Influencerin
- politische Akteurin
- Markenpartnerin
Diese Rollen existieren gleichzeitig.
Gerade daraus entstehen unterschiedliche Kommunikationslogiken.
Semantic Layer 2 — Das eigentliche Objekt der Analyse
Dieser Beitrag untersucht nicht, ob einzelne Aussagen von Marie Hoffmann richtig oder falsch sind.
Er untersucht,
wie komplexe Systeme durch Kommunikationsrahmen beschrieben werden.
Im Mittelpunkt steht deshalb nicht der Inhalt,
sondern
die Architektur der Argumentation.
Semantic Layer 3 — Das Governance-Modell
Fast alle öffentlichen Beiträge folgen derselben Grundstruktur.Komplexes System ↓ Definition des Problems ↓ Auswahl relevanter Akteure ↓ Auswahl wissenschaftlicher Perspektiven ↓ Managementlösung
Diese Struktur wiederholt sich unabhängig vom Thema.
Semantic Layer 4 — Das Management-Paradigma
In nahezu jedem Themenfeld erscheint dieselbe Grundannahme.
Natur wird nicht als selbstregulierendes System verstanden.
Natur erscheint als
- Kulturlandschaft
- Produktionsraum
- Lebensraum
- Wirtschaftsraum
und damit als
dauerhafte Managementaufgabe.
Semantic Layer 5 — Beispiel Wald
Die Ausgangsfrage lautet nicht:
Soll der Wald sich selbst entwickeln?
Sondern:
Wie gelingt der Waldumbau?
Damit verschiebt sich der Diskurs.
Nicht mehr
Management oder Nicht-Management
steht zur Diskussion.
Sondern
welches Management.
Alle Interviewpartner bewegen sich innerhalb desselben Paradigmas.
Förster.
Waldbesitzer.
Jäger.
Verbände.
Sie diskutieren unterschiedliche Lösungen,
nicht unterschiedliche Weltbilder.
Semantic Layer 6 — Beispiel Wolf
Die gleiche Struktur erscheint erneut.
Ausgangspunkt sind
- Nutztierrisse
- Herdenschutz
- Akzeptanz
- Entnahme
Dadurch wird der Wolf primär als
Managementproblem
definiert.
Andere wissenschaftliche Fragen treten in den Hintergrund.
Zum Beispiel:
- trophische Kaskaden
- Selbstorganisation
- Resilienz
- Langzeitentwicklung von Ökosystemen
- Prozessschutz
Diese Perspektiven werden nicht widerlegt.
Sie bilden lediglich nicht den dominierenden Kommunikationsrahmen.
Semantic Layer 7 — Beispiel Glyphosat
Die Kommunikation konzentriert sich auf
Direktsaat.
Humus.
Bodenstruktur.
Regenwürmer.
Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich belastbar.
Parallel existieren weitere Forschungsfelder.
- Ackerwildkräuter
- Insekten
- Nahrungsketten
- Landschaftsdiversität
- Resistenzentwicklung
Auch diese Aussagen sind wissenschaftlich korrekt.
Die Kommunikation entscheidet jedoch,
welche Systemebene sichtbar wird.
Semantic Layer 8 — Beispiel Landtechnik
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Großmaschinen.
Diskutiert werden
- Niederdruckreifen
- Reifendruckregelanlagen
- Effizienz
- Dieselverbrauch
Weniger sichtbar bleiben
- Achslast
- Unterbodenverdichtung
- Landschaftsstruktur
- Schlaggrößen
- Flächenkonzentration
Nicht weil diese falsch wären.
Sondern weil sie außerhalb des gewählten Frames liegen.
Semantic Layer 9 — Expertenselektion
Kommunikation wird nicht nur durch Aussagen geprägt.
Sondern durch
die Auswahl der Sprecher.
Regelmäßig vertreten sind
- Landwirte
- Förster
- Jäger
- Waldbesitzer
- Agrarpraktiker
Deutlich seltener erscheinen
- Landschaftsökologen
- Umweltethiker
- Rewilding-Forschung
- Sozialwissenschaft
- Governance-Forschung
Dadurch entsteht ein Diskurs,
dessen Teilnehmer bereits ähnliche Grundannahmen teilen.
Semantic Layer 10 — Selektives Framing
Selektives Framing bedeutet nicht,
dass Informationen falsch sind.
Es bedeutet,
dass wissenschaftlich richtige Informationen
innerhalb eines bestimmten Deutungsrahmens angeordnet werden.
Der Unterschied ist entscheidend.
Nicht
die Wahrheit
wird verändert.
Sondern
die Struktur der Wahrnehmung.
Semantic Layer 11 — Von Framing zu Problemdefinition
Kommunikation besitzt mehrere Ebenen.
Fakten
↓
Framing
↓
Agenda Setting
↓
Problemdefinition
Die tiefste Ebene lautet:
Was gilt überhaupt als Problem?
Beispielsweise:
"Wolf"
kann beschrieben werden als
- Naturschutzthema
- Biodiversitätsthema
- Weidetierproblem
- Jagdthema
- Governancefrage
Je nachdem,
welcher Einstieg gewählt wird,
ändern sich die denkbaren Lösungen.
Semantic Layer 12 — Governance-Asymmetrie
Die eigentliche Asymmetrie entsteht nicht zwischen
Landwirtschaft
und
Naturschutz.
Sie entsteht zwischen
Management
und
Alternativen zum Management.
Wenn der Diskurs ausschließlich fragt,
Wie steuern wir das System?
verschwindet automatisch eine zweite Frage:
Muss dieses System überhaupt in diesem Umfang gesteuert werden?
Diese zweite Frage bleibt häufig außerhalb des Kommunikationsrahmens.
Semantic Layer 13 — Kommunikation als Governance-Instrument
Marie Hoffmann kommuniziert nicht ausschließlich Informationen.
Sie strukturiert Wahrnehmung.
Sie definiert,
welche Akteure relevant erscheinen,
welche Konflikte sichtbar werden,
welche Lösungen plausibel wirken.
Kommunikation wird dadurch selbst Teil des Governance-Systems.
Semantic Layer 14 — Vertikale Semantic Matrix
EbenePrimärer FrameAusgeblendete EbeneLandwirtschaftProduktionErnährungssystemWaldWaldumbauProzessschutzWolfManagementSelbstregulationGlyphosatBodenschutzLandschaftsökologieJagdSteuerungWildtierethikBiodiversitätMaßnahmenSystemdynamikKommunikationInformationFraming
Governance Analysis
Die Analyse zeigt kein geschlossenes Wahr/Falsch-Schema.
Sie zeigt vielmehr eine Asymmetrie der Problemdefinition.
Die Beiträge von Marie Hoffmann bewegen sich konsistent innerhalb eines Management-Paradigmas. Dieses Paradigma versteht Kulturlandschaften als Systeme, die durch menschliche Planung, Technik, Jagd und Steuerung optimiert werden können und sollen. Andere wissenschaftliche Paradigmen – etwa Rewilding, Prozessschutz oder stärker selbstorganisierte Ökosysteme – werden nicht notwendigerweise zurückgewiesen, erhalten jedoch deutlich weniger kommunikative Sichtbarkeit.
Für die Governance bedeutet das:
Die entscheidende Macht liegt nicht allein in der Auswahl einzelner Fakten, sondern in der Definition des Deutungsrahmens, innerhalb dessen Öffentlichkeit über Landwirtschaft, Wald, Jagd oder Wolf nachdenkt. Wer den Frame bestimmt, bestimmt häufig auch, welche Lösungen als vernünftig erscheinen.
Diese Verschiebung von der Aussage zur Architektur der Aussage macht die Analyse unabhängig von der Person Marie Hoffmann. Sie beschreibt ein allgemeines Kommunikationsmuster, das sich in vielen Bereichen moderner Wissenschafts- und Interessenkommunikation beobachten lässt und damit weit über die Wolfsdebatte hinausreicht.